„Wir formen unser Land neu.“

Nicht nur in Österreich oder Amerika verändert sich die Medienlandschaft. Sabrina Monschein und Isabella Scholda nutzten die Internationalität am GEN Summit 2017, um etwas über die Medienlandschaft anderer Ländern, über die in Europa nur wenig berichtet wird, zu erfahren.

Das GEN, das Global Editors Newtork, ist das weltweit größte Treffen von RedakteurInnen und ChefredakteurInnen aus über 70 Ländern. Die diesjährigen Schwerpunkt lagen auf From post-truth to virtual reality: navigating media’s future.

Taiwan – Serena Lin, News Republic

Laut Reporter ohne Grenzen zählen Taiwans Medien zu den freiesten in Asien.  Es gibt zahlreiche private Zeitungen, die eine breite Palette an Meinungen wiedergeben. Die vier größten Tageszeitungen sind die China Times, Liberty Times, United Daily News und Apple Daily. Im Gegensatz dazu seien die großen Fernsehsender in Taiwan jedoch parteiisch. Durch die zunehmende Verschränkung zwischen Taiwan und China unterdrücken laut Reporter ohne Grenzen immer mehr Redaktionen kritische Berichterstattung. Wir haben mit Serena Lin von der Nachrichten App News Republic über ihre Einschätzung zur taiwanesischen Medienlandschaft gesprochen.

Die Menschen haben aufgehört, traditionelle Medien zu konsumieren.

Wie hat sich die Medienlandschaft in Ihrem Land in den letzten Jahren verändert?

In Taiwan gibt es vier große Tageszeitungen, die lange vom Großteil der Bevölkerung gelesen wurden. Diese haben mittlerweile auch einen Online-Auftritt.  Neben diesen vier Tageszeitungen kam online ein neues digitales Medium auf: ET News Today. Dieses ist mittlerweile einflussreicher geworden als die traditionellen Medien. Aufgrund der Online-Medien können wir von überall Nachrichten abrufen, daher haben die Menschen aufgehört, traditionelle Medien zu konsumieren. Sie vertrauen den klassischen Nachrichten nicht mehr und holen sich ihre Infos lieber über Facebook oder suchen sie sich selbst im Internet.

Wie geht es den Journalisten in Ihrem Land?

Ich habe das Gefühl, dass unsere Journalisten faul geworden sind. Sie bekommen die Nachrichten von Agenturen und kopieren einfach den Text. Sie formulieren ihn nicht um, sie führen keine Interviews. Die Nachrichten hängen davon ab, wieviel Geld du zahlen willst. Dann versuchen sie, über das zu berichten, was du möchtest.

Pakistan – Moiz Jafferii, Samaa TV

In Pakistan gibt es eine hohe Medienvielfalt mit rund 250 Tageszeitungen und 400 Wochen- und Monatszeitschriften. Die staatlichen Sender „Pakistan Television“ und „Pakistan Radio“ werden laut Reporter ohne Grenzen streng kontrolliert. Für kritische Journalisten kann es in Pakistan gefährlich werden. Zwar ist die Zahl der Tötungen von Journalisten laut Freedom House in den letzten Jahren zurückgegangen, doch die Intensität der Bedrohungen, die Journalisten von zahlreichen Akteuren, einschließlich der Militär- und Geheimdienste und militanten Gruppen bekommen, bleibt weiterhin hoch. Wir haben mit Moiz Jafferii vom pakistanischen TV-Sender Sanaa-TV über den Wilden Westen der pakistanischen Medien gesprochen.

Es geschehen Dinge, die man sich in der ersten Welt niemals vorstellen

Wie hat sich die Medienlandschaft in Ihrem Land in den letzten Jahren verändert?

Die Medienlandschaft hat sich seit dem Jahr 2000 stark verändert. Damals wurde die vierte Militärdiktatur Pakistans errichtet, die das Privateigentum von Medien und zum ersten Mal auch das Privateigentum von Fernsehsender liberalisierte. Private Nachrichtenagenturen schossen daraufhin wie Pilze aus den Böden.

(Anm.: Die Motivation des Militärs zur Liberalisierung der Medien beruhte auf der Annahme, dass die pakistanischen Medien zur Stärkung der nationalen Sicherheit genutzt werden könnten und wahrgenommenen Bedrohungen aus Indien entgegenwirken könnten.)

Von 2000 bis 2010 war es in Pakistan wie im Wilden Westen. Im Fernsehen wurden teilweise lächerliche Dinge gezeigt, die heute aufgrund von PEMRA nicht mehr gezeigt werden können.

(Anm.: PEMRA ist die Pakistanische Medienkontrollbehörde. Sie wurde 2002 gegründet, um nach eigenen Angaben die privaten Medien zu regulieren. Die Regierung bewarb PEMRA als eine offene Reform der Medienpolitik.)

Die unnötig einschränkenden Regulierungen von PEMRA hielten die Medien davon ab, das zu sein, was sie sein hätten können. Doch diese Regulierungen gibt es deswegen, weil die Medienlandschaft davor  komplett unkontrolliert war. Es gab werder ethische noch moralische Einschränkungen. Wie sich die Medienlandschaft in den letzten Jahren verändert hat? Es gab davor keine.

Also es hat sich alles komplett verändert. Zwar ist das goldene Zeitalter der Medien in Pakistan vorbei, doch wir kommen in eine neue Ära. Wir bewegen uns in einem viel fortgeschrittenerem Terrain. Es wird alles noch Zeit brauchen, aber wir sind an einem Punkt, wo wir uns langsam ins heute bewegen können.

Wie geht es den Journalisten in Ihrem Land?

Journalist in Pakistan zu sein, ist sehr aufregend. Es geschehen Dinge, die man sich in der ersten Welt niemals vorstellen könnte. Wir formen unser Land neu und auch unsere Demokratie formt sich neu. Die Leute interessieren sich nicht für die “Bedroom-Tax”  – das sind nicht unsere Schlagzeilen. Unsere Schlagzeilen sind: “Menschen sterben durch Terrorismus”, “Menschen werden im Kampf gegen Terrorismus ihre Rechte genommen.” Wir machen es nicht sehr gut, wir haben keine hohe Qualität, aber wir sind am Weg dorthin. Wir werden langsam besser.

Serbien – Andrej Zarević, Beta

Da seit Anfang 2014 Beitrittsverhandlungen mit der EU laufen, bemüht sich Serbien um struktuelle Verbesserung für Journalisten und Medien. Schon seit 2012 ist Verleumdung für Journalisten nicht länger ein Strafbestand. Auch Rede- und Pressefreiheiten sind unter Serbiens Verfassung und Rechtsordnung geschützt. Nach Angaben von Freedom House werden diese Schutzmaßnahmen in der Praxis jedoch nicht konsequent bewahrt. Reporter ohne Grenzen berichtet von Korruption und vielen stark parteiischen Medien. Viele Politiker geben nur ausgewählten Redaktionen Interviews. Kritische Journalisten hätten Überfälle von bezahlten Schlägern zu befürchten.

Wir haben Andrej Zarević von der Serbischen Nachrichtenagentur BETA zur Situation in seinem Land befragt.

Es gibt nicht viel Raum für unabhängigen Journalismus

Wie hat sich die Medienlandschaft in Ihrem Land in den letzten Jahren verändert?

Die Medienlandschaft hat sich in meinem Land in den letzten paar Jahren kaum verändert. Staatliche Medien und solche, die vom Staat finanziert sind, dominieren die Medienlandschaft. Das stört den Markt, denn es gibt nicht viel Raum für unabhängigen Journalismus. Viele unabhängige Medien sind finanziell unter Druck, weil sie keine großen Werbekunden haben. Große Firmen, die Kontakte zur Regierung haben, schleusen ihr Geld zu den Medien, die regierungsfreundlich sind. Das ist das Hauptproblem und das hat sich seit der letzten Regierung auch kaum verändert.

Wie geht es den Journalisten in Ihrem Land?

Ich decke die internationale Politik aber, daher werde ich von der Regierung nicht so stark unter Druck gesetzt. Aber mein Medienhaus kämpft um jedes Geldmittel und jede Förderung, die es bekommen kann.