„Wir glauben, die Zukunft des Zeitungsmachens ist sehr demokratisch“

Heute

Der Alltag bei heute.at. Maria Jelenko ist Chefredakteurin uns erzählt von Herausforderungen im Online-Journalismus, Hetze bei der Konkurrenz und der Zukunft von Online Medien.

Maria Jelenko hat ihre journalistische Tätigkeit beim „Wirtschaftsblatt“ begonnen und wechselte 1997 zur „Kronen Zeitung“, wo sie daran arbeitete deren Online Auftritt aufzubauen. Ab 2006 war sie an dem Aufbau von „oe24.at“ beteiligt und wechselte 2011 in die Chefredaktion von Heute.at.

Maria Jelenko

Meine erste Frage ist, da Sie ja seit 2011 Chefredakteurin bei Heute Online sind, macht es noch Spaß oder ist es Routine?

Nein, es macht sehr viel Spaß, weil wir unser gesamtes Unternehmen umgekrempelt haben. Wir sind ja gekauft worden vor einem halben Jahr, mit einer Mehrheitsbeteiligung von 51 % Online von der Tamedia AG. Sie haben auch 25 % Anteil an der Print-Version. Wir haben die Gelegenheit genutzt, die als Vorbild zu nehmen. Die Tamedia haben ja vor 4 Jahren die „20 Minuten“ erstellt, aus der Not heraus, da die Onlineredakteure abtrünnig wurden. Die Printredakteure begannen dann Online zu arbeiten. Seitdem arbeiten dort alle völlig konvergent, das heißt die haben einen Newsroom, wo die Redakteure sowohl online arbeiten, als auch die Sachen die online gut laufen, in Print abfüllen. Wir gehen einen ähnlichen Weg. Wir füllen zwar nicht die Zeitung ab, aber wir haben in jeder Redaktion unterschiedliche Leute sitzen, die einmal online machen untertags und dann am Abend an der Print-Version sitzen. Das heißt der Newsroom ist eigentlich so aufgestellt, dass alle alles machen.

Sogar in der Chefredaktion haben wir umgestellt. Gestern habe ich Print gemacht, habe die Zeitung selbst produziert, heute habe ich einen Tag um mich um die Weiterentwicklung des Produkts zu kümmern, da ich auch für die digitale Strategie verantwortlich bin. Morgen habe ich wieder einen Online-Dienst. Am Mittwoch einen Print-Dienst, es ist unterschiedlich. Und so lernt man die anderen Medien auch verstehen.

Also kann ich mir die Frage sparen ob Print und Online gut zusammenarbeiten?

Es ist vollzogen. Wir sind eigentlich die erste Tageszeitung in Österreich, die wirklich konvergent digital arbeiten, die Zukunft wahrgenommen haben und gesagt haben: „Die Zukunft ist jetzt“.

Wie war die Umstellung? War es einfach?

Nein es war ein psychologischer Prozess, der schon relativ komplex war, vor allem die einzelnen Diensträder für die Ressorts auszutüfteln. Es gibt hier und da noch Haken, die man nachbessern muss. Es ist noch frisch, 6 Wochen alt. Es war schon eine Herausforderung, die aber hauptsächlich psychologisch war. Wir haben es genutzt um zum Beispiel den Newsroom komplett umzubauen, dass wir zentral den Online-Tisch haben und rundherum gruppieren die einzelnen Ressorts. Printproduktion passiert auf der Seite, ist also von der Wertigkeit her nicht mehr vordergründig. Aber uns ist es schon wichtig, dass die Zeitung nicht abgefüllt wird, sondern die Zeitung liebevoll produziert wird. Und ich glaube das Produkt kann sich sehen lassen. Es hat sich außen hin für den Leser der Zeitung nichts verändert.

Und wir rücken den Leser in den Mittelpunkt, da wir glauben die Zukunft des Zeitungsmachen ist sehr demokratisch. Der Leser hat die Möglichkeit selbst als Redakteur tätig zu sein. Wir sind wahrscheinlich die Zeitung mit den meisten Lesereinsendungen.

Wie aufwendig ist es die Leserbeiträge zu bearbeiten?

Wie ich gekommen bin, habe ich das zur Chefsache erklärt, online. Ich habe gesagt: „Jedes einzelne Bild will ich mir selber anschauen und will entscheiden was wir damit machen“, weil ich glaube, dass man das ernst nehmen muss. Ich glaube die Lesereinsendungen sind ein zentraler Teil des Erfolgs, einerseits und andererseits, haben wir ein eigenes Team, das sich um die Masse kümmert. Bei einem Leseraufruf wie: „Zeigen Sie uns Ihre Haare, Ihre Schuhe“, da kommen dann 500 Sachen rein. Da geht es um eine Form der Community. Aber wenn es um einen Unfall auf der Straße geht, eine Festnahme bei der WEGA irgendwo in einer U-Bahn-Station, das wird sorgfältig überprüft, da wird recherchiert. Es wird Kontakt aufgenommen mit der Polizei, Rettung Feuerwehr und wenn notwendig mit dem Leser selbst. Es wird also alles noch einmal gegengecheckt und recherchiert. Wir veröffentlichen kaum Material, das verfänglich wäre, das nicht gegengecheckt wurde. Natürlich, wenn ein Leser Enten auf der Straße schickt, braucht man nicht viel tun aber alles was Crime anbelangt, muss man gegenrecherchieren.

Muss man online mehr emotionalisieren und polarisieren?

Vor allem was Facebook anbelangt und Social-Media. Da muss man natürlich aufpassen, rechtlich, was man darf, was nicht. Da sind die Redakteure auch perfekt geschult, aber natürlich, um sozusagen wahrgenommen zu werden muss man sicher mehr emotionalisieren als in der Zeitung oder im Online Auftritt selbst. Social-Media ist noch eine Spur „eyecatchier“ als der Online Auftritt.

Auf Facebook gibt es ja die berühmte „Teilen“ Funktion, wie verändern sich die Zugriffszahlen, wenn den Artikel eine bekannte Person teilt?

Es hat massive Auswirkung, wir provozieren das aber nicht, vor allem nicht politisch, weil wir sagen, wir wollen nicht missbraucht werden von Politikern für ihre Zwecke. Was andere aber sehr wohl tun. Bei der Konkurrenz, die dann gezielt den Politikern etwas zuspielen. Das tun wir eigentlich nicht.

Sehen Sie das demokratiepolitisch als Problem, wenn Medien so berichten?

Ich finde es problematisch und wir tun es auch nicht. Wir tun weder das, noch hetzen wir. Wir haben sehr klare Richtlinien, was unseren Online Auftritt anbelangt. Das ist eine ganz starke Strategie von bestimmten Mitbewerben, Quote zu machen um zu hetzen. Das ist ohnehin schon durch die Medien gegangen. Ich habe das immer schon verurteilt und es gibt bei uns ganz klare Richtlinien. Bei uns ist das nicht geduldet, nicht erwünscht und wir versuchen unsere Quote anders zu machen.

Sie haben sehr viel Content mit Lesern, ist das Forum wichtig?

Wir haben kein Forum aber die Kommentarfunktion. Die ist wichtig aber da sind wir leider in Österreich nicht die, wo sich die meiste Musik abspielt. Das haben leider schon andere besetzt. Aber dadurch, dass wir momentan keinen „Login“ haben im Desktop Bereich ist es einfacher Kommentare zu posten. Diese werden aber gesichtet und gefiltert. Also was wir nicht machen, was andere aber sehr wohl tun ist Kommentare ungefiltert durchzulassen. Das tun wir nicht. Deswegen hatten wir immer ein bisschen ein Quantitätsproblem, dafür haben andere ein Qualitätsproblem.

Sie haben Community Regeln. Wie schnell ist ein Kommentar gesichtet und gelöscht?

Das geht sehr schnell, da wir leider nicht die Masse haben. Und da wir ein Team haben, das sich rund um die Uhr mit dem Sichten der Kommentare beschäftigt, geht das ganz schnell.

Was ist die Durchschnittszeit vom Posting bis zur Löschung?

Die erscheinen ja nicht, sondern werden gelöscht zwischen Echtzeit und 10 Minuten.

 Haben Sie Erfahrungen mit Bots Erfahrung gemacht?

Ich kenne es nur von Abstimmungen. Wir hatten früher Votings wo man ohne Zwischenschritt abstimmen konnte und das haben wir auch mit Gewinnspielen verknüpft, da hatten wir schon solche Bots. Und bei Gewinnspielen haben wir dann auch gesagt, wir behalten uns das Recht vor diejenigen auszuschließen, die mit solchen technischen Dingen versuchen sich Vorteile zu verschaffen. Wir haben inzwischen bei Votings, die wir sehr stark einsetzten, eine kleine Sicherheitstüre, dass man eben einen Zwischenschritt hat bevor man abstimmen kann.

Haben politische Mitbewerber schon versucht diese Votings für sich zu manipulieren?

Ja und ich glaube, dass Votings ganz gezielt von manchen Parteien verbreitet werden in den Parteizentralen um Stimmung zu machen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.

Was kann man tun, damit es trotzdem noch ein User Voting bleibt?

Ich finde man kann es halt nicht verbieten, wenn parteiintern Abstimmungen gemacht werden. Das finde ich wiederum undemokratisch diese auszuschließen. Ich will niemanden ausschließen. Was ich schon will und was wir eben eingeführt haben ist dieser Zwischenschritt, damit man nicht den Computer abstimmen lässt.

Haben Sie schon daran gedacht darauf hinzuweisen, dass Voting Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind, wenn sie Votings veröffentlichen?

Wir überlassen das den Lesern und Leserinnen. Ich glaube, dass jeder weiß, dass ein Online Voting nicht gleichzusetzen ist mit einer repräsentativen Umfrage, die von einem Meinungsforschungsinstitut durchgeführt wird. Die teilweise ja auch völlig danebenhauen, wie wir im Wahlkampf gesehen haben. Ich glaube, dass die Leser das sehr wohl wissen, dass es nicht zu hundert Prozent repräsentativ ist. Aber bei bestimmten Themen, wo es nicht um politische Gegenständlichkeiten geht, sondern um private Einschätzungen, da sehen wir schon gewisse Trends, die durchaus ernst zu nehmen sind und woraus man bestimmte Schlüsse ziehen kann. Ich glaube das ist eher ein Unterhaltungsinstrument bei uns als ein wahres Meinungsmachungsinstrument. Das sehe ich eher schwieriger bei Meinungsforschungsinstituten, die aber teilweise bezahlt werden von Parteien. Unsere Votings werden nicht parteienfinanziert.

 Wie sehen Sie die Zukunft vom Online Journalismus? Welche Entwicklungen sehen Sie bei den Social-Media-Kanälen.

 Ich glaube wichtig wird es sein, dass man die eigene Marke stärkt. Ich glaube man wird versuchen müssen gegen Social-Media anzukämpfen als Medium. Vielleicht gibt es da mal einen Schulterschluss zwischen den Medienhäusern, weil eigentlich die Social-Media-Kanäle dazu tendieren die Marken zu zerstören, das ist meine Meinung. Und ich glaube da muss man sich ganz stark als Marke profilieren.

 Ist für Journalisten die Gefahr ihre Arbeit zu verlieren, wenn immer mehr Content über die Leser generiert wird? Dass man am Ende nur mehr Fact Checker ist und nicht mehr Journalist.

 Nein, erstens muss man die Geschichte sowieso nachrecherchieren. Ob man eine Information über den Leser bekommt oder über eine Aussendung ist ja eigentlich irrelevant. Und schreiben muss der Redakteur es trotzdem, das ist ja die Kunst. Es glauben ja alle wenn etwas über den Leser kommt ist es schon fertig. Das muss man ja trotzdem redaktionell bearbeiten. Das muss man journalistisch aufbereiten, formulieren, das ist nicht so einfach. Was uns auch unterscheidet von anderen Tageszeitungen ist, dass wir als einzige keine APA beziehen. Das heißt wir schreiben die Meldungen nicht ab, sondern schreiben unsere Meldungen selbst. Wir stechen da auch hervor aus diesem Einheitsbrei aus Nachrichtenpotpourri. Wenn man sich anschaut Presse, Standard, die sind alle gleich formuliert die Hauptmeldungen. Ich sag jetzt nicht, dass die nicht eigens formulierte Meldungen haben, aber es gibt da schon ein Gros an Meldungen. Das Grundrauschen ist gleichförmig, weil das alles über die APA rennt. Und das haben wir nicht, wir haben keinen Zugang mehr und schreiben alles selber. Man sieht es auch. Vom ganzen Stil her. Es gibt hier eine eigene Tendenz, wie die Meldungen formuliert werden.

 Sie waren schon bei oe24.at, krone.at, heute.at, was war ihre größte Herausforderung?

 Schwierig zu sagen, eigentlich Krone.at, weil da war Online noch in den Startlöchern. Da gab es noch kaum Webseiten. Und wir haben teilweise Dinge neu erfunden. Da waren wir Pioniere. Und es war eine spannende Zeit. Wir wurden anfangs nicht so richtig ernst genommen. Gerade in dem Medienhaus, in dem der Altersschnitt von Redakteuren, jetzt sag ich salopp, 60+ ist, wo man teilweise noch mit Schreibmaschinen gearbeitet hat, sind wir dort gesessen. Es war eine runde, junge, lustige Partie und wir haben dann begonnen einfach Online Zeitung zu machen, das war sehr spannend.

 Welches Online Medium lesen Sie selbst am liebsten?

 Ich verfolge international gerne den Spiegel in Deutschland und Fokus, weil sie viel hergeben und relativ schnell sind, wenn etwas passiert. Privat verfolge ich gerne die Zeit, weil ich die auch gerne lese und auch gerne Online zwischendurch.

 Alles eher online oder die Print Version?

 Lustigerweise, am Wochenende lese ich die Zeit Printversion. Aber sonst Zeit Online habe ich als App. Und ja, ich lese auch Jerusalem Post, ganz unterschiedlich eigentlich.

 Wo sind derzeit die innovativsten Medien, wo kann man hinschauen?

Heute.at, da wir mit der neuen App sehr innovativ sind. Das ist ein neuer Schritt im Medienzeitalter.

Von David Riegler