„Von mir aus kann jeder alles wissen.“

Wie Vice ihre Themen wählt und andere Gedanken über das Redaktionsleben. Chefredakteur Markus Lust erzählt über seine Eindrücke.

VICE  – gegründet 1994 in Montreal als kanadisches Jugend- und Lifestyle Magazin – erschien 2005 das erste Mal als deutschsprachige Ausgabe. 2017 feierte die Wiener Redaktion zehnjähriges Jubiläum. Bis heute als recht umstrittenen angesehen, genießt das Medium große Beleibtheit bei seinen LeserInnen. Für Außenstehende, wirft die Wahl der veröffentlichten Artikel oftmals Fragen auf und wird gerne zu Gesprächsstoff. Denn die Diversität der behandelten Themen ist groß.

 Genau darüber spreche ich mit dem Chefredakteur Markus Lust, der mich im Wiener Headquarter empfängt. Die Redaktion ist ein frisch renovierter Altbau, direkt am Karlsplatz. Liebe am Detail wird durch die aus alten Rüstungen und Plakaten von Ausgaben Covern bestehende Deko bewiesen.

Als erstes kündige ich an, dass ich den Artikel an Markus zur freigabe schicke, doch er widerspricht mir umgehend: ‘’Freigaben würd ich nie machen. Das einzige, was du machen kannst, ist Fakten überprüfen lassen. Fakten schick ich den Leuten schon immer nochmal.’ Er erklärt, dass junge JournalistInnen immer glauben ihre Artikel freigeben lassen zu müssen, rechtlich seien sie dazu jedoch nicht verpflichtet. Freigeben mache keinen Sinn, da dabei oftmals Fakten und Aussagen verdreht werden und man dazu stehen sollte was man einmal gesagt oder getan hat.

Er sagt, dass es in seiner Redaktion keine vorgeschriebene Gewichtung bei der Wahl der Artikel gibt. ‘’Wir haben keine Gewichtung und keine Matrix. Wir machen es relativ organisch und relativ spontan.’’ Auch wenn die Wahl der Artikel am Ende ausgeglichen sein soll, versucht VICE die Welt so darzustellen, wie sie ist. ‘’Wir schauen, dass wir die Lebenswelt der Leser abbilden. Was dringender ist, wird behandelt. Der Themenmix entsteht im Normalfall. ‘’

Markus’ Artikel mit dem Arbeitstitel ‘’Auf LSD am Christkindlmarkt’’ gehört zu den umstrittenen Artikeln und soll auch nicht beschönigt werden. ‘’Von mir aus kann jeder alles wissen. Man kann zu solchen Dingen stehen.’’ Deshalb löscht Markus auch keine alten, peinlichen Facebook Bilder von sich. Denn gerade wenn man bei einem Medium wie VICE arbeitet, das recht direkt ist, muss man ehrlich mit seinen Lesern umgehen. ‘’Ich würde meinen Großeltern oder Eltern erklären, wir schrieben über alles, was junge Leute beschäftigt. Wir schauen, dass wir nicht so von oben herab, wie alte Männer im Fernsehstudio mit ihnen reden, sondern dass wir auf Augenhöhe mit ihnen reden.’’

Seinen Redakteuren sagt Markus immer, sie sollen aus ihrer Blase heraus, ‘’Sonst liest du halt einfach immer das gleiche, es klingt alles gleich.’’ Bei den Artikeln ginge es nicht darum, alles provokante aus Prinzip zu machen, sondern von klassischer Berichterstattung weg zu kommen.

Markus findet auch negative Kritik und Diskussionen über VICE gut. Denn es sei ein Privileg heutzutage ein Medium zu sein, dass noch gelesen wird. ‘’Wir löschen auch ganz selten, nur wenns strafrechtlich relevant ist. Es ist schön zu sehen, man muss nicht zensieren oder regulieren. Man kann tatsächlich darauf vertrauen, dass unsere Leser halbwegs intelligent und mündig sind.’’ Um auf die Kommentare der Leser zu reagieren, verwendet Markus meist seinen privaten und nicht den VICE Account, ‘’allein schon deshalb, weil du sonst dieses Augenhöhe-Prinzip nicht mehr hast. Das ist ein Machtverhältnis, was unfair ist.’’

Dennoch lässt er sich nicht von negativen Kommentaren beeinflussen, ‘’Wenn jemand sagt, des is aber schon billig oder sagt, das ist unter meinem Niveau, dann sag ich, das ist aber dein Problem, dann hast du offensichtlich ein Problem zuzugeben, dass die Lebenswelt so ausschaut.’’

Zum zehnjährigen Jubiläum, hat die Redaktion laut Markus ein wenig Selbstreflexion betrieben. Jonas Vogt hat einen Artikel über VICE geschrieben, durch den sich herausgestellt hat, dass ‘’wir zehn Jahre nach unserer Gründung einfach nicht mehr cool sind. Nicht mehr so underground, nicht mehr so neu sind.’’ Aus diesem Grund müsse sich VICE teilweise neu erfinden.

‘’Ich will, dass wir aufrichtig und ehrlich sind in diesen Sachen, dass wir nur Sachen sagen, die wir so meinen, aber dass wir halt lustig sind, dass wir clevere Gedanken einbauen, dass wir subjektive Positionen einbauen.’’

Von Karolina Pelc und Veronika Micheli