Social Bots: eine Bestandsaufnahme

Social Media-Plattformen durchziehen mittlerweile fast alle Bereiche der Gesellschaft. Unternehmen nutzen sie, um Kunden anzuwerben und für sie ihre Produkte zu begeistern, politische Parteien, um ihre Ideen nach außen zu tragen. Jeder kann fast ungefiltert eigene Inhalte produzieren und verbreiten. In weitere Folge ist eine Unmenge an Information entstanden, deren Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt oft nur schwer und durch einigen Zeitaufwand zu bestimmen ist. Und nicht jeder möchte sich diese Arbeit antun, für so etwas gibt es ja unter anderem Journalisten. Deren Job besteht doch gerade aus dem Überprüfen und Verifizieren von Informationen. Sobald diese auf Inhalte stoßen, die in der Öffentlichkeit kursieren, aber der Unwahrheit entsprechen, schlagen sie schließlich Alarm. Was aber, wenn diese unwahren Informationen insgesamt so oft geteilt wurden, dass sie schon mehrmals die Runde gemacht haben? Wenn man dieselben Inhalte von etlichen Seiten zu sehen bekommt, dann wird wohl etwas Wahres dran sein. Oder?

Quantität vs. Qualität

Informationen verfestigen sich bekanntlich leichter mithilfe von Wiederholung. Dieser Effekt kann künstlich durch den Einsatz von Social Bots herbeigeführt werden. Social Bots sind einfache Algorithmen, die menschliches Verhalten imitieren sollen. Im sozialen Netzwerk Twitter können diese Algorithmen zum Beispiel automatisch über eine Programmierschnittstelle posten und Inhalte retweeten. Social Bots können darauf programmiert werden vorgefertigte Sätze zu posten, fremde Tweets zu retweeten, oder bestimmte Follow- und Friend-Requests zu verschicken, beziehungsweise anzunehmen. Auf diese Weise lassen sich beliebig viele Profile mit automatisiertem Verhalten kreieren und mit geringem Aufwand steuern. Ob diese Bots dann Star Wars- oder Nietzsche-Zitate aussenden, oder politische Propaganda betreiben, liegt ganz bei ihrem Programmierer und dessen Interessen. Auch die Frequenz, in der Nachrichten abgesetzt werden sollen, lässt sich frei bestimmen.

Wunschkonzert: der Alltag eines Social Bots

Orestis Papakyriakopoulos ist Doktorand an der Professur für Political Data Science an der Hochschule für Politik der Technischen Universität München. Er erklärt, dass es viele Arten von Bots gibt – und die wenigsten haben mit politischer Propaganda zu tun. Es gibt beispielsweise Bots, die twittern, wenn irgendwo ein Erdbeben stattgefunden hat. Dann gibt es sehr viele Bots, die eigentlich nur zu Marketing- und Werbezwecken existieren. Konkret sagen, warum jemand Bots besitzt und diese benutzt, könne man, laut Papakyriakopoulos, nicht.

Vor allem deswegen nicht, da viele Entwickler ihre Bots nicht aus politischer Motivation, oder einer sonstigen Überzeugung heraus, programmieren, sondern aus rein monetären Gründen. Aus dem Vermieten von sogenannten Bot-Armeen, ist mittlerweile ein eigener Geschäftszweig geworden. Es hängt dann vom Mieter ab, welches Verhalten die Bots wie oft und wie lange an den Tag legen sollen. Sie können Nachrichten verbreiten, die die Interessen ihrer Macher oder Mieter unterstützen, oder ein Thema verbreiten, das diesen am Herzen liegt und es, durch oftmaliges Teilen, auch für die Gesellschaft wichtigmachen – denn wichtig ist, worüber gesprochen wird.

Durch die Benutzung solcher Bot-Armeen kann also klassisches Agenda-Setting betrieben werden, denn durch deren Einsatz sind die Trending Topics auf Twitter mühelos veränderbar. So kann Einfluss darauf genommen werden, was Journalisten sehen und wahrnehmen. Und das ist wichtig, denn Twitter wird im deutschsprachigen Raum kaum von „normalen“ Menschen benutzt, anders als in den USA. Hierzulande werden weniger Menschen direkt durch Bots beeinflusst, aus dem einfachen Grund, weil sie Twitter nicht nutzen – im Gegensatz zu den Journalisten. In unseren Breiten ist es also viel wichtiger Journalisten und Politiker zu beeinflussen, da diese als Multiplikatoren fungieren und Nachrichten wiederum an die Gesellschaft verbreiten.

„Würde Twitter wollen, dass es keine Social Bots in ihrem Netzwerk gibt, so könnten sie es übrigens ganz leicht abschalten“, so Papakyriakopoulos. Der Grund, warum sie das nicht tun, sei ihr Geschäftsmodell. „Twitter generiert seine Gewinne nicht, wie Facebook, durch Werbeeinnahmen. Twitters größter Vorteil, gegenüber der Konkurrenz, ist ihre große Anzahl an aktiven Nutzern. Was die Nutzer auf Twitter machen und auf welche Weise sie kommunizieren ist egal, solange sie aktiv sind.“ So würden auch gelöschte Accounts nach der Abmeldung der User weiterhin bestehen bleiben und für die Analytics der Seiten, des Traffics usw. benützt werden. Würden Social Bots ein schwerwiegendes Problem werden, so Papakyriakopoulos, dann müsste von Seiten der Staaten Druck auf Twitter ausgeübt werden, damit diese die Installation von Bots in ihrem Netzwerk erschweren.
Auf Facebook ist dies übrigens Realität, die Implementierung von Social Bots ist hier erschwert und nur unter Verwendung aufwändigerer Codes möglich. Zudem werden Nutzer, die durch automatisiertes Verhalten auffallen, ehestmöglich von Facebook gebannt.

 

Renate, bist du ein Bot?

Die meisten Internetuser sind es gewöhnt, dass im World Wide Web weitgehend Anonymität herrscht und man kaum Persönliches über die User, mit denen man in Dialog tritt, erfährt. Dies ist für viele Diskurse auch oft überhaupt nicht von Belang. Zu wissen, ob man es wirklich mit einer (zumindest humanoiden) Lebensform, oder einem Algorithmus zu tun hat, ist dagegen von großem Interesse. Wer möchte seine Energie auch für einen Twitter-Beef mit einem Computerprogramm verschwenden?

Einen Account unzweifelhaft als Social Bot zu erkennen, ist aber schwierig. In der Forschung zu Social Bots wird vor allem mit zwei Methoden gearbeitet: mit Machine Learning und mit Heuristiken. Mashine Learning basiert auf einem handcodierten Datensatz, der automatisch nach bestimmten Mustern sucht. Der Nachteil: ein solches System kann nur Bots finden, die den Daten ähnlich sind, auf die es programmiert wurde. Beim Heuristik-Ansatz werden theoretisch hergeleitete Regeln aufgestellt, die eine echte Twitter-Nutzung von einer automatisierten unterscheidbar machen sollen. Das Problem dabei ist, dass der Regelkatalog starr ist und sich nicht selbst automatisch durch neue Daten verbessern kann. Zudem ist es schwierig vorab einzuschätzen wie gut diese Regeln, auch in Kombination miteinander, funktionieren.

Wie erkennt ein Laie nun aber einen Social Bot? Auch wenn man sich nicht hundertprozentig sicher sein kann, gibt es ein paar einfache Heuristiken, mithilfe derer zu hoher Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann, ob es sich bei einem Account um einen Bot, oder um einen Menschen handelt. „Zum Beispiel, wenn man einen Account hat, der nur Re-Tweets, oder Text-Tweets macht: da ist es hochwahrscheinlich, dass es ein Bot ist – Menschen verhalten sich nicht so.“, sagt Papakyriakopoulos. „Viele Bots haben zum Beispiel aber auch die gleiche Nummer an Followern und Friends, oder sie ist proportional. Mit so einfachen Tricks, kann man eigentlich schon entscheiden, ob ein Account ein Bot ist, oder nicht.“

Auch die durchschnittliche Anzahl der Tweets pro Tag sei ein Kriterium, denn Bots zeichnen sich durch besonders starke Nutzungsaktivitäten aus. Es bestehen aber Uneinigkeiten darüber, ab wie vielen Tweets ein Nutzer „auffällig“ ist. Das Oxford-Internet Institut verwendet den kritischen Wert von 50 Tweets pro Tag. Einfach ist die Unterscheidung zwischen Bot und Mensch laut Papakyriakopoulos deswegen aber trotzdem nicht: „Das Ding ist, es gab auch Fälle, wo man gesagt hat ‚oh, dieser Account ist auf jeden Fall ein Bot‘ und dahinter stand dann ein Mensch, der nichts zu tun hatte.“

Der Stand der Dinge

Social Bots sind ein sehr komplexes soziales Phänomen, und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft (samt etwaiger Gefahren) sind nicht einfach zu quantifizieren. Vor dem Hintergrund von Ereignissen wie dem Brexit oder der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 entbrannte auch im deutschsprachigen Raum eine große Diskussion über Social Bots. Deswegen fände hierzulande aber kein krasses Ereignis, bezogen auf Social Bots, statt, meint Papakyriakopoulos: „Natürlich können sie beeinflussen, was auf Twitter stattfindet und damit, bis zu einem gewissen Grad, was für eine politische Realität die Menschen haben. Das ist schon wichtig. Aber es gibt keine organisierte Propaganda, die zum Ziel hat politische Prozesse zu beeinflussen – soweit wir geforscht haben.“

Man mache zurzeit noch Bestandsaufnahmen dieses neuen, komplexen Phänomens und sei dabei, die Grenzen und Möglichkeiten von Social Bots auszuloten. Danach erst könne man entscheiden, ob Social Bots eine Gefährdung für die Demokratie darstellen können, um dann gesetztenfalls, von staatlicher Seite, dagegen vorzugehen.

Über jana.gambusz 1 Artikel
Über ein abgeschlossenes Studium in Theater-, Film- und Medienwissenschaft, einen Exkurs in die Kommunikationswissenschaft und einige Arbeitspraxis vor und hinter der Kamera bin ich nun im Journalismus gelandet und hab bisweilen große Freude daran.