Nächste Haltestelle: Utopia

Was soll bloß aus Österreichs Medienwelt werden? Diese Frage stellten sich Journalistinnen und Journalisten am 17. Mai im Presseclub Concordia im Zuge der dritten Diskussionsrunde zum Thema öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Dabei wurden teils völlig utopische Vorschläge in den Raum geworfen: Ein ORF ohne Skifahren und ein Cocktail aller österreichischen Medienangebote als Front gegen Facebook.

Österreichs Medienhäuser: Gemeinsam oder einsam

Noch herrschen große Berührungsängste zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern. Das muss sich ändern, meinte Heidmeier. Dieser war aus Deutschland angereist und kommt von der Kooperative Berlin, einem Zusammenschluss von 21 festen und zahlreichen freien digitalen MediengestalterInnen. Er stellte im Eingangsplädoyer seine 10 Thesen zur Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland vor. Er brachte den Vorschlag ein, dass die beiden eine symbiotische Arbeitsgemeinschaft bilden sollten. Beispielsweise könnten technische Entwicklungen, wie Quellcodes von neuen Handy-Apps, zwischen den Medienplayern ausgetauscht und optimiert werden. In weiterer Folge sprach Heidmeier auch über die Möglichkeit einer gemeinsamen Landing-Page, auf der alle Services und Content-Formate von Privaten und Öffentlich-Rechtlichen vereint werden. Dabei sollen nicht nur die NutzerInnen, sondern auch die Medien voneinander profitieren. So könnte Radio Ö1 von der Reichweite der Krone profitieren. Public Value wird hiermit im Sinne eines Open-Source-Ansatzes für Technologien definiert. Die Medienhäuser würden so auch eine Allianz gegenüber der Big Player Facebook oder Netflix bilden. Personalisierte Angebote stünden medienübergreifend zur Verfügung, über Datenhandel müssten sich NutzerInnen dort aber keine Sorgen machen. Und auch der direkte Zugang ohne Facebook als Zwischenmedium würde von dieser Utopie ermöglicht.

Markus Heidmer von der Kooperative Berlin stellt seine 10 Thesen vor. Er fordert ein Umdenken der Öffentlich-Rechtlichen.

Weissenberger: Für Fußball bitte umschalten – kein Sport im ORF

Eva Weissenberger schockte das Publikum mit ihrem Vorschlag Sport und Sitcoms aus dem Programm zu nehmen. Sie gab sich als Ersatz für die hocherwartete PULS-4 Info-Chefin Corinna Milborn die Ehre. Die ehemalige Chefredakteurin von News betreibt heute den Podcast ganzoffengesagt. Ob es denn nicht Verschwendung öffentlicher Gelder sei, wenn der ORF teure Sportrechte erwirbt, während PULS 4 das Länderspiel ohnehin zeige? Das Geld könnte, so Weissenbergers Vorschlag, auch in Randsportarten gesteckt werden, sodass sogar der noch unbekannte “Bubble Football” eine Plattform erhalte.

Oft schon ist ORFeins in Verruf geraten, weil stundenlang Serien wie Big Bang Theory oder andere amerikanische Importe gezeigt werden. Weissenberger denkt deshalb an eine Befreiung des ORFs von seiner Unterhaltungspflicht, die derzeit noch gesetzlich verankert ist. In Referenz zu einem verjährten Zitat von Neil Postman meinte sie: “Wir amüsieren uns schon lange zu Tode.“ Der österreichische Markt sei mit Unterhaltung übersättigt. Das rüttle am Image des Senders am Küniglberg.

Andy Kaltenbrunner weiß aus internationaler Erfahrung, dass Medien insgesamt mehr Glauben geschenkt wird, wenn es einen starken, unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Für die Runde im Presseclub Concordia reiste der Medienwissenschaftler vom Medienhaus Wien extra aus Spanien an. Kaltenbrunner zog zur Unterstützung seiner Behauptung den „Digital News Report“ des Reuters Institute heran. Dieser unterstreicht die Bedeutung von Balance zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medienangeboten für die Bildung einer Grundlage für die demokratische Zivilgesellschaft.

Andy Kaltenbrunner fordert auf Grundlage des „Digital News Report“ eine Balance zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen. Eva Weissenberger schlägt dafür eine Streichung der Unterhaltungssendungen und des Sports im ORF vor.

In der ersten Diskussionsrunde zu öffentlich-rechtlichen Rundfunk besprachen WissenschaftlerInnen und MedienmacherInnen aus dem DACH-Raum noch die Konsequenzen der NoBillag-Abstimmung. Die Rezeption dieser Veranstaltung inspirierte den Presseclub dazu die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen zur Diskussion zu bringen. Wenig Innovatives ergab die folgende Veranstaltung mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und ORF-MedienmanagerInnen im Panel, so Präsidentin des Presseclubs Dr. Astrid Zimmermann. Deshalb besteht die dritte, abschließende Runde aus ExpertInnen aus dem praktischen journalistischen Arbeitsfeld.

 Ansprüche ohne politisches Echo

Unerwarteterweise war die Medienpolitik der ÖVP/FPÖ- Regierung kein Thema in der dritten Diskussionsrunde. Gezielt wurde vom Presseclub unter Astrid Zimmermann im Vorfeld festgelegt, dass alltagsnahe Veränderungen nicht im Mittelpunkt stehen, sondern mögliche langfristige Entwicklungen zum Thema gemacht werden sollten. Die mit Spannung erwartete Medienenquete unter Vorsitz von Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) wird dazu am 7. und 8. Juni im Museumsquartier in Wien stattfinden. Ob die besprochenen Szenarien Realität werden oder als Utopie verbleiben, wird sich noch zeigen.

Von Vanessa Kraut und Sarah Riepl
Studentinnen der FH Wien der WKW des Studienganges Content-Produktion und digitales Medienmanagement

Über vanessakraut 1 Artikel
Hallo, mein Name ist Vanessa und ich bin Studentin an der FH der WKW im ersten Semester. Ich bin geborene Kärntnerin und frische Wahl-Wienerin. Den Studiengang Content Produktion wählte ich aus Interesse an der klassischen Print-Branche, wie auch Radio, TV, Online Journalismus und alles, was dazugehört.