Jeder hat eins, keiner gibt es zu: Junge Menschen sprechen über ihre Erfahrungen mit Fake-Profilen

Offiziell ist es verboten, sich unter falscher Identität auf Facebook zu registrieren. Aber in einer Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, findet sich in jedem Freundeskreis zumindest eine Person, die schon mal dieses Verbot übertreten hat. Wenn es um  Lehrer-Stalking oder Eifersuchts-Revanche geht, sind Studierende dazu bereit, viel Zeit und Energie in die Erstellung und Wartung maßgeschneiderter Fake-Accounts zu stecken.

2012 schätzte Facebook erstmals die Anzahl der Fake-Profile auf seiner Plattform auf 5 Prozent. Zum Zeitpunkt der Studie waren das 50 Millionen von rund 845 Millionen aktiven Usern. Neuere Zahlen gibt es nicht. Wendet man den gleichen Prozentsatz 2018 an, kommt man bei mittlerweile 2.2 Milliarden Usern  auf eine Zahl von über einer 110 Millionen falscher Profile auf Facebook. Gute Chancen also, dass man jeden Tag Besitzern und Besitzerinnen eines Fake-Accounts über den Weg läuft.

Wir haben Leute gesucht, die uns die dunklen Geheimnisse ihrer falschen Online-Identitäten verraten. Dazu haben wir uns in und um Unis in Wien umgehört und sind zu folgenden Erkenntnissen gekommen:

  • Studierende sind überraschend aufgeschlossen für spontane und anonyme Interviews.
  • Am Juridicum gibt es die ärgsten Geschichten, auf der Hauptuniversität hingegen sind die Studierenden am bravsten.
  • Vermutlich hat man uns auf der Hauptuni nicht alles erzählt.

Nichtsdestotrotz seht ihr hier fünf (hoffentlich) vollständige Berichte von jungen Wienerinnen und Wienern mit ihren Bekenntnissen in Sachen Fake-Accounts.

Das Lehrer-Stalking

Zwei junge Frauen vor dem Juridicum erzählen aus ihrer Schulzeit
Zwei junge Frauen vor dem Juridicum erzählen aus ihrer Schulzeit

Im Gymnasium hatte ich mit ein paar Freunden einen Fake-Account auf Facebook. Wir wollten unsere Lehrer adden, um herauszufinden, was sie privat machen und auf welche Partys sie gehen. Der Account wurde von einer Freundin gemanagt und es wurden immer wieder Statusmeldungen und Fotos gepostet. Der Account hat total echt gewirkt. Eine Lehrerin, bei der wir schon vergeblich probiert hatten, sie mit unseren echten Accounts zu adden, hat dann sogar diesen Fake-Account als Freund akzeptiert. Es war unglaublich, was wir alles herausgefunden haben. Sie hatte nicht nur viele freizügige Fortgeh-Fotos von sich online, sondern auch Details über ihre Beziehung zu einem ihrer Schüler.

Falsche Familie und Like-Sammeln

Diese Studentin unterbrach extra für unser kleines Interview das Flyer-Verteilen
Diese Studentin unterbrach extra für unser kleines Interview das Flyer-Verteilen

Als wir zwölf waren, haben meine Schulkollegin und ich einen Ask.fm Account erstellt. Wir haben dann vorgegeben, hinter dem Account stecke mein drei Jahre älterer Bruder, den es natürlich gar nicht gab. Wir sind sogar so weit gegangen, andere Accounts von “seinen Freunden” zu erstellen. Die Accounts haben sich dann untereinander verl

inkt und erfundene Geschichten vom Fortgehen und andere Sachen erzählt. Das ganze hat einfach funktioniert und es ist nie jemand drauf gekommen, dass die Accounts fake wären. Fast ein halbes Jahr haben wir das durchgezogen und dann aufgehört zu posten. Lustigerweise verwendet meine Freundin die Accounts noch, um ihre eigenen Posts zu liken, und das mehr als sieben Jahre später.

Die Eifersuchts-Revanche

Zwei Studenten, die gerne auf Festivals gehen und von Fake Profilen in Liebesaffären (links) und Spielaffären (rechts) berichten  
Zwei Studenten, die gerne auf Festivals gehen und von Fake Profilen in Liebesaffären (links) und Spielaffären (rechts) berichten

 Mein bester Freund und ich waren damals 13 und er hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt. Sie hat dann zuerst damit angefangen einen Fake-Account zu erstellen, um ihn eifersüchtig zu machen. Das Profil war aber sehr schlecht gemacht. Der Junge am Bild war weit über 13 und auf der Seite war nur ein Eintrag. Außerdem hat dieser Junge 30 Kilometer von unserer Stadt gewohnt und sie hat ihn trotzdem immer wieder markiert. Mein Freund und ich haben dann einen eigenen Account gemacht, um sie eifersüchtig zu machen.

Aber wir haben uns wirklich Mühe gegeben. Der Name war typisch österreichisch, nichts auffälliges und die Fotos waren aus den hinteren Seiten der Bildersuche bei Google. Dann haben wir uns gegenseitig immer wieder verlinkt, und so getan, als ob wir zu dritt Sachen unternehmen würden. Was uns erschreckt hat, war wie viele Nachrichten ein Profil einer Frau erhält. Wir haben täglich sicher zehn Nachrichten bekommen und einmal sogar ein Nacktbild. Nach einem halben Jahr haben wir uns mit der Ex-Freundin zusammengesetzt und ihr erzählt, dass der Account fake war. Sie hat’s ganz gut aufgenommen und mittlerweile sind wir alle wieder miteinander befreundet. Insgesamt war es uns eine Lehre, aber lustig war es auch.

Der Bonus-Trick

Abgesehen von Profilen hab ich mir schon fünf Emailadressen zugelegt, um immer wieder Spotify Premium ausprobieren zu können. Auf Facebook selbst hab ich mir Fake-Accounts zum Spielen angelegt. Nicht für Candy Crush, aber für Poker. Bei dem Spiel konnte man kleine Boni erhalten, wenn man andere zum Spiel einlädt, oder Geschenke versenden. Um meinen echten Freunden nicht jeden Tag auf die Nerven zu gehen, hab ich drei Fake-Accounts nur dafür gemacht. Ein Freund von mir hatte auch drei. Wir haben uns dann immer gegenseitig die Gratisgeschenke hin- und hergeschenkt. Damals war ich zeitweise sogar süchtig danach und hab stundenlang gespielt. Heute brauch ich das Gott sei Dank nicht mehr.

Der Twitter-Bot

Dieser Programmierer verwendet Fake-Accounts als Werkzeug
Dieser Programmierer verwendet Fake-Accounts als Werkzeug

Ich hatte einen falschen Twitter-Account, um einen Chatbot, den ich für Twitter geschrieben hatte, zu testen. Mein Ziel war es, ein Tool für Influencer zu entwickeln, welches ihnen dabei hilft möglichst viele Follower zu bekommen. Der Fake-Account musste also echt wirken. Ich habe einen Namen, der realistisch klingt, zusammengestellt und Bilder aus dem Internet verwendet. Funktioniert hat mein Bot aber leider nicht so gut, denn er hat dauernd Sachen gepostet, bei denen die Überschrift nicht zum Rest des Posts gepasst hat – das war schon sehr auffällig. Die Posts wurden trotzdem oft retweeted, aber es war sehr eindeutig, dass mein Account von keiner echten Person geführt wird.

Von Andrea Gabriel und Vanessa Kraut

Über Anderl 1 Artikel
^^^^ Andrea, ursprünglich aus Oberösterreich, AuPair in den USA, danach dort Psychologie studiert, seit 3 Jahren wieder in Wien, leidenschaftliche Regieassistenz für Theater und Film, Museumsguide in der Wiener Hofburg, Kindermädchen Ich kann nicht leben ohne Kaffee, Freunde, Familie, Kino, Theater und Abwechslung ^^^^