Schwarze Journalisten in Österreich

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Welchen Einfluss hat die Migrationsbiographie auf die Arbeit von Schwarzen Journalisten in Österreich?

Medien sehen sich oftmals als Spiegel der Gesellschaft. Gerade eine Gruppe ist in den Redaktionen des Landes aber stark unterrepräsentiert: Nur ca. fünf Prozent der Journalisten_innen sind Menschen mit Migrationserfahrung – im Vergleich zu etwa 19 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten davon sind Deutsche – fast schon die Ausnahme hingegen sind Schwarze*** Journalisten_innen und Journalisten_innen of Color.

Deswegen haben wir in Österreich tätige Schwarze Journalisten_innen und Journalisten_innen of Color befragt, warum das so ist und welchen Einfluss ihre Migrationsbiographie auf ihre journalistische Arbeit hat.

*** Der Begriff ’Schwarz’ wird in diesem Artikel groß geschrieben, denn er beschreibt hier weder eine biologisch klassifizierbare ’Rasse’, noch ist es eine essentialistische Definition von Hautfarbe.  In seiner affirmativen Verwendung werden jegliche rassistischen Inhalte, die mit der Bezeichnung ’Schwarz’ transportiert wurden bzw. werden, problematisiert und in selbstermächtigender Weise kritisch in Frage gestellt. `Schwarz`wird als eine politische Selbstbezeichnung verstanden, die stets an einen spezifischen politischen Kontext gebunden ist (vgl. Arndt/Hornscheidt 2009: 13).

Video by Luciana Siegenthaler  Musik: Sanko Riddim produced by Orbeat (Tupengo Remix by Threeks)

 

Stefan Lenglinger

Stefan Lenglinger
Stefan Lenglinger (25) wurde in Wien geboren, seine Mutter kommt aus Ghana sein Vater aus Österreich. Er studierte Journalismus an der FH der Wirtschaftskammer Wien. Seit 2015 arbeitet er beim ORF. Dort moderiert er seit April 2018 die Sendung Heimat Fremde Heimat  Foto: Luciana Siegenthaler

Spielen für dich deine Hautfarbe und deine Migrationsbiographie eine Rolle im Arbeitsalltag?

Ja, ich denke schon. Ich wache natürlich nicht auf und denke mir: Hey, ich bin Schwarz. Für meine Arbeit macht es aber schon einen Unterschied, das merkt man im Umgang mit den Personen. Es ist schon oft vorgekommen, dass ich einen Bericht vorbereite und dafür mit Interviewpartnern am Telefon spreche oder mit ihnen eMails schreibe. Dann geht man zum Drehort und die Leute schauen einen erstmal mit großen Augen an. „Was, sie sind der Herr Lenglinger, wir haben telefoniert?“ Das passiert wahrscheinlich wegen meiner Hautfarbe. Das ist jetzt kein großes Drama für mich, aber schon ein Faktor. Man merkt es auch bei politischen Geschichten oder auf Veranstaltungen von gewissen politischen Gruppierungen, dass manche Leute besonders sensibel auf einen reagieren.

 

Und in der Redaktion?

Da glaube ich weniger. Mit den Kollegen, die ich kenne, habe ich alle ein gutes Verhältnis. Ich glaube nicht, dass sich die irgendwie anders verhalten. Mir ist im ORF noch nichts passiert, wo ich sage, ich wurde wegen meiner Hautfarbe innerhalb der Redaktion oder im Management ungerecht behandelt – zumindest hätte ich es nicht mitbekommen.

 

Warum ist Diversität in den Redaktionen eigentlich wichtig?

Beim ORF haben wir das Ziel, dass so viele Menschen wie möglich das Produkt sehen und sich damit identifizieren. Wir haben eine sehr vielfältige Gesellschaft und die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass man eine breite Masse anspricht, wenn auch die Menschen, die an den Bereichen arbeiten, aus unterschiedlichen Bereichen kommen. Das betrifft aber nicht nur People of Color. Auch Fremdsprachen, eigene Lebenserfahrungen, Erziehung und Ausbildung fallen für mich unter Diversität.

Wenn zwölf Männer, die alle in den 1950ern in Österreich geboren wurden und ihr ganzes Leben in Wien gelebt haben, an einer Sendung arbeiten, wird die dementsprechend aussehen.

Wenn da schon zwei Leute drinnen sind mit einem anderen Hintergrund, werden die neue Aspekte einbringen können, davon kann das Endprodukt profitieren.

 

Was wünscht du dir für die Zukunft im Bezug auf Diversität in Österreichs Medienlandschaft?

Ich glaube nicht, dass es möglich ist, genau die Gesellschaft prozentuell widerzuspiegeln. Allerdings bin ich schon der Meinung, dass es wichtig ist, Leute einzubinden, die anders sind – was Sprache und Hautfarbe betrifft. Hier beim ORF gibt es eine Minderheitenredaktion, wo nur Leute mit Migrationshintergrund arbeiten. Dafür gibt es in manchen Redaktionen bei anderen Medien eher weniger Menschen mit Migrationshintergrund. Das betrifft aber auch wieder nicht nur People of Color, sondern auch Frauen oder etwa Leute mit körperlichen Behinderungen, junge Menschen oder welche, die sonst irgendwie anders sind. Eine bessere Verteilung und Ausgeglichenheit wäre schon eine schöne Vorstellung.

 

Was macht die Minderheitenredaktion beim ORF?

Die gibt es seit 30 Jahren, wir machen eine eigene Sendung, die ich seit zwei Monaten moderieren darf. Alle Mitarbeiter haben Migrationshintergrund und sprechen eine andere Sprache. Wir beschäftigen uns viel mit Minderheitenthemen – vergangene Woche haben wir etwa über Krankenschwestern aus den Philippinen berichtet, die in Österreich arbeiten. Ich glaube, dass die Redaktion ursprünglich geschaffen wurde, um Menschen mit Migrationshintergrund in den ORF zu bekommen. Das sollte aber auch anders funktionieren. Die Vielfältigkeit würde besser zur Geltung kommen, wenn Journalisten mit Migrationshintergrund auch vermehrt in Bereichen wie im Sport oder an politischen Berichten arbeiten – ihren Input wird man auch am Endprodukt merken

 

 

Simon Inou

Simon INOU
Simon Inou (45) wuchs in Kamerun auf, studierte dort Soziologie und brachte “Le Messager des jeunes”, die erste Jugendzeitschrift des Landes heraus. In Österreich studierte er Publizistik und Kommunikationswissenschaften und ist heute Herausgeber des Fresh-Magazin. Außerdem leitet er die Ausbildungskoordination bei Radio ORANGE, dem größten Community Sender im deutschsprachigen Raum. Foto: Luciana Siegenthaler

Inwiefern spielt deine Hautfarbe eine Rolle in deinem Arbeitsalltag?

Sie spielt eine wichtige Rolle. Als ich vor mehr als 15 Jahren angefangen habe, Pressekonferenzen in Österreich zu besuchen, habe ich gemerkt, dass die Leute erstmal skeptisch und ängstlich waren. Zum ersten Mal siehst du einen Schwarzen da, der nicht aus den USA kommt. Auch meine Fragen waren klarerweise anders, als die von in Österreich sozialisierten Journalisten und konnten oftmals nicht beantwortet werden. Außerdem spielt die Hautfarbe eine Rolle, weil gewisse Themen mir automatisch zugeteilt werden. Rassismus, Antirassismus, Afrika, Afrikanische Diaspora, People of Color, Black People und so weiter. Da vermuten die Leute, dass ich ein Experte bin und passen eher auf was sie sagen, weil sie wissen, dass ich es nicht so stehen lassen kann.

 

Wie sieht es bei Themen aus, die dir automatisch zugeteilt werden?

Was viele Menschen noch nicht so akzeptieren oder sehen ist, dass Journalisten of Color, auch andere Kompetenzen haben. Wir kennen uns auch in anderen Themen aus! Aber die Ghettoisierung der Hautfarbe ist so stark, dass man sich selbst nur noch in einer gewissen Sparte bewegt und sieht.

Wenn es um Afrika geht, wird Herr Inou angerufen, wenn es um Rassismus geht wird Herr Inou angerufen. Aber ich habe vor sechs Jahren beschlossen nicht nur über diese Themen zu reden.

Wenn ich von JournalistInnen eingeladen werde, dann kontaktiere ich die Kolleginnen vom fresh Magazin und bitte sie darum das zu übernehmen. Ich möchte nicht mehr “ghettoisiert” werden. Es gibt auch ein Leben jenseits von Ghetto.

 

Wie viele „Journalisten_innen of Color“ gab es in den Redaktionen, in denen du bisher gearbeitet hast – mal abgesehen von den Medien, die du selbst gegründet hast?

Keine! Ich habe in der Presse von 2007 bis 2012 eine eigene kleine Redaktion gehabt, innerhalb der Presse-Redaktion. Wir haben wöchentlich unsere Berichte gemacht, das Projekt hieß “Migrantin*innen schreiben für die Tageszeitung Presse”. Unser Ziel war es mehr, Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund oder Migrationsvordergrund in die Redaktion zu bringen. Die Presse hat das geschafft, einige Mitglieder dieser Redaktion sind jetzt noch dort. Hätten wir das Projekt länger gemacht, wären wir heute natürlich auf einem ganz anderen Level. Es war ein Pionierprojekt in Österreich. In den anderen Redaktionen wo ich gearbeitet habe, gab es sonst keine Diversität. Ich glaube, dass Österreich noch einen sehr sehr langen Weg vor sich hat. Dieser Weg wird noch viel viel länger, wenn hier keine gezielte Politik geführt wird.

 

Was siehst du als problematisch an einer geringen Diversität in den Redaktionen?

Auf der einen Seite haben wir das Problem, dass viele Medien von staatlichen Presseförderungen erhalten.

Sie bekommen also Presseförderungen aber spiegeln genau nicht die Diversität innerhalb unserer Gesellschaft wieder.

Was im Rahmen der Frauenpolitik gemacht wird, sollten die Medien auch innerhalb der österreichischen Medienlandschaft machen. Es braucht Quoten. Viele Leute sind dagegen, aber ich finde schon, dass man es zumindest probieren sollte. Denn nicht einmal ein Prozent der Journalisten in Österreich haben einen Migrationshintergrund.

 

Was wünscht du dir für die Zukunft und wie kann das erreicht werden?

Erstens, dass wir Schulmaterial in Österreich diskriminierungsfrei gestalten. Damit unsere Kinder Diskriminierungsfrei aufwachsen.

Zweitens, dass es gezielte Projekte gibt, die die Diversität in den Redaktionen fördern.

Drittens, dass man Journalisten mit Migrationshintergrund, auch jenseits der Ghettoisierung anspricht. Sie sollen nicht immer nur über dieselben Themen reden dürfen.

Viertens, dass es in allen Journalistenschulen eine Diversity-Abteilung gibt, die sich mit der ethnischen Diversität des Landes auseinandersetzt.

Es ist einfach wichtig, dass Journalisten in allen Journalistenschulen lernen, dass man Menschen über die man berichtet eingeladen werden als AKTIVE Teilnehmer  und Gestalter der Berichterstattung und dass man lernt, wie man respektvoll über “andere” berichtet.

Ein gutes Beispiel ist die Kriminalberichterstattung, da sollte die Herkunft nicht erwähnt werden dürfen. Weil es geht immer um die Bilder die wir nach Aussen tragen, wenn wir diese Bilder als Journalisten nicht verändern, werden unsere Kinder immer mit den selben Bildern aufwachsen und so wird sich unsere Gesellschaft nie verändern.

 

 

Dalia Ahmed

Dalia Ahmed
Dalia Ahmed (26) ist in Österreich geboren und aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus dem Sudan. Mit 16 Jahren “schlitterte” sie in den Journalismus, als sie bei Vice als Praktikantin arbeitete. Heute arbeitet sie für Radio FM4 im Musik- und Kultur-Ressort. Dort leitet sie ihre eigene Sendung „Dalia’s Late Night Lemonade“ – die sich vorwiegend mit Black Music beschäftigt. Foto: Eva Zar

 

Spielen für dich deine Hautfarbe und deine Migrationsbiographie eine Rolle im Arbeitsalltag?

Auf jeden Fall. Es informiert quasi alles was ich mache. Ich würde nicht das mache, was ich jetzt mache, wenn ich nicht diesen Background hätte. Ich würde nicht das Wissen habe, dass ich jetzt habe ohne diesen Background. Alles was ich mache hat quasi damit zu tun oder ist irgendwie davon beeinflusst.

 

Welches Wissen meinst du?

Musik – egal ob Pop, House, Techno, Hiphop – ist afrikanisch beeinflusst. Da habe ich schon viel mehr Einblick glaube ich. Ich glaube auch, dass wenn man einen Draht dorthin hat, ein bisschen mehr Verständnis und Offenheit hat und vielleicht die Zusammenhänge schneller kapiert.

 

Wie glaubst du reagiert deine Umgebung auf deine Hautfarbe im beruflichen Umfeld?

Das sehe ich zwiegespalten. Einerseits gibt es auf jeden Fall Rassismus, und da muss man auch viel und ernst darüber reden. Es gibt aber auch eine andere Seite. Es ist auch dieser „Exotismus“ irgendwo. Man wird hat vor allem in die Ecke von Jugendkulturgeschichten und Kulturgeschichten gestellt.

Für ein Medium FM4 ist es schon irgendwie „cool“ wen dabei zu haben, der schwarz oder eben anders ist.

Also ja, meine Hautfarbe bringt mir auch was, aber im Großen und Ganzen schadet sie mir wohl mehr.

 

Wie schadet sie dir?

Das Ding ist, man bekommt es meistens nicht so offen mit. Also es würde dich jetzt niemand direkt beschimpfen wegen der Hautfarbe, aber ich glaube man wird weniger ernst genommen. Ich höre des öfteren das Kompliment “Ah du redest so schön Deutsch.” Das ist jetzt aber nicht wirklich ein Kompliment. Es zeigt einfach, dass die Person überrascht ist. Man ist halt irgendwo immer etwas anders, immer irgendwie “the other” sein, immer irgendwie exotisch. Etwas, das man nicht so richtig einordnen kann. Etwas, das nicht hundertprozentig hier her gehört glaub ich. Ich glaub das ist jetzt nicht bei jedem so, aber bei einigen.

 

Ganz am Anfang meintest du ja, du bist anders und genau dass macht dich in deiner Arbeit aus. Jetzt aber “kritisierst” du deine Umgebung dafür, dass sie dich als anders sehen. Wie erklärst du dir diesen Widerspruch?

Es gibt halt ein “Anders” aus den richtigen Gründen, aber oftmals ist es ein “Anders” aus den falschen Gründen. Es ist eben eigentlich ein “Mehr” und dieses “Mehr” wird nicht gesehen, sondern nur das “Anders” wird gesehen. Ich habe das Gefühl, dass dieses “Mehr”, dieses “Extrawissen” nicht wirklich anerkannt wird. Also in manchen Fällen schon, bei mir zum Beispiel, ich habe meine eigene Sendung bekommen, also kann ich mich jetzt nicht wirklich beschweren. Aber ja es ist halt schwierig, nicht in so eine “Ecke” geschoben zu werden. Ich habe mir erst vor kurzem wieder darüber nachgedacht welche Stories ich in letzter Zeit so gemacht habe. Es waren halt so Popstories oder Serienstories, wo halt irgendein Schwarzer Protagonist ist.

Auf der einen Seite denke ich mir, okay, stempel ich mich da jetzt selber ab?

Aber gleichzeitig ist es auch so, dass ich mir denke, ICH will diese Person sein, die diese Geschichten halt auch erzählt. Es ist schwierig.

 

Was wünscht du dir für in Zukunft?

Ich würde mir von der Österreichischen Medienlandschaft wünschen, dass sie unsere Gesellschaft mehr abbildet. Weil unsere Gesellschaft sind nicht nur weisse Akademiker. Also die sollen natürlich auch ihre Jobs haben, auch ihre Sachen machen. Es ja auch interessant, was die zu sagen haben. Aber ich will, dass eine Redaktion auch so ausschaut wie ein Ubahn-Waggon. Das halt alles auch vertreten ist, wie es in unserer Gesellschaft gibt.

 

Was müsste sich ändern, damit es so wird?

Auf jeden Fall Jedenfalls das Bildungssystem. Bei uns läuft halt schon was schief, wenn Leute schon mit 10 Jahren wissen, ob sie studieren oder nicht. Viele denken nicht einmal ans Studieren, weils ihnen unmöglich gemacht wird. Da fängts an, da muss man ansetzen. Aber auch mit der Politik, wie man Leute anstellt. Es sollte schon so sein, dass man darauf schaut, dass man ein diverses Team hat, dass man sich nicht damit zufrieden gibt, dass man kein diverses team hat.

 

 

Tori Reichel

Tori Reichel
Tori Reichel (27) ist in der Nähe von Salzburg aufgewachsen. Seine Mutter ist schwedischer und österreichischer Herkunft, sein Vater ist Nigerianer. Er schreibt seit 2014 für Vice Austria – zuerst beim dazugehörigen Musik-Kanal Noisey, nun beschäftigt er sich vermehrt mit gesellschaftlichen und sozialen Themen. Sein „Lieblingsthema“ ist Migration – und alles, was in Österreich damit zusammenhängt. Foto: Tori Reichel

 

Wie viele Journalisten_innen of Color arbeiten bei dir in der Redaktion?

Einer, das bin ich. Aber wir sind eine sehr kleine Redaktion, rund ein halbes Dutzend Leute. Abgesehen von mir sind zwar alle weiß, aber wir sind trotzdem eine relativ diverse Redaktion – jetzt nicht herkunftstechnisch, aber irgendwie hat doch jeder einen anderen Background.

Wir haben einen guten Frauenanteil, nicht alle sind heterosexuell, was auch gut ist.

In der Hinsicht sind wir für so ein kleines Team doch relativ divers.

 

Spielen für dich deine Hautfarbe und deine Migrationsbiographie eine Rolle im Arbeitsalltag?

In meiner Arbeit als Journalist auf jeden Fall. Vor allem dadurch, dass ich die Themen selber suchen kann und Vice sowieso ein Medium ist, bei dem oft Identitätsthemen aufgegriffen werden. Meine Hautfarbe spielt halt in meinem Leben eine riesengroße Rolle, deswegen spiegelt sich das auch in meiner Arbeit wieder – beziehungsweise habe ich auch beschlossen, das bewusst zu einem Teil meiner Arbeit zu machen, weil es einfach viel Aufholbedarf gibt in Österreich.

 

Warum hast du dich bewusst entschieden dich solchen Themen zu widmen?

Meine erste größere Story, bei der es mir eh schon fast auf die Nerven geht, davon zu erzählen, ist die Geschichte mit der Uni Wien, wo sie mich immer so für Fotos verwendet haben, um ihre Internationalität zu bewerben. Ich habe dann diesen offenen Brief geschrieben und erklärt, dass ich Österreicher und kein Austausch-Student bin. Das hab ich mir ja nicht ausgesucht, es ist einfach passiert und ich habe darüber geschrieben. Es ist meine Lebensrealität – vor allem in einem Land wie Österreich. Es hüpft dir sozusagen Tag für Tag ein Aspekt, der mit deiner Hautfarbe zu tun hat, entgegen, über den du schreiben kannst. Und je weiter du in das Thema reinkommst, desto mehr Aspekte findest du, die du behandeln kannst. Gerade was Nigeria oder nigerianischen Background anbelangt, hat Österreich so viele arge Stories zu bieten.

Nigerianer im Besonderen –  aber eigentlich Afrikaner allgemein – haben hier so ein negativ behaftetes Image.

Ich versuche daher nicht nur Stories zum Thema Diskriminierung zu machen, sondern echt einfach auch Lebensrealitäten von gewissen Communities abzubilden.

 

Wird dem Thema Diversität genug Aufmerksamkeit gewidmet in Österreich?

Während in anderen Ländern Europas schon darüber diskutiert wird, inwiefern man die Diversität der Gesellschaft in Redaktionen integriert,

ist in den Köpfen der meisten Österreicher noch nicht mal angekommen, dass People of Color schon längst Teil der Gesellschaft sind.

Dass die Redaktionen hier so wenig divers sind, merkt man dann auch den Artikeln zu dem Thema an – das ist oft so ein über “die anderen” reden. Es gibt ganz selten Storys, wo man das Gefühl hat, da erzählt jemand aus der Perspektive einer Schwarzen Person. Deshalb glaub ich auch, dass es extrem wichtig ist, dass Redaktionen diverser werden: Weil du halt auch ganz andere Perspektiven auf Dinge hast, wenn du nicht weiß bist. Bei Frauen genau dasselbe! Nur wenn es um Hautfarbe geht, ist Österreich ganz ganz weit hinten.

Aber ich glaube, dass es jetzt in den nächsten Jahrzehnten Schlag auf Schlag gehen wird, es wird immer mehr People of Color geben, die ihre eigenen Geschichten erzählen werden. Wir Österreicher hinken da beispielsweise den Briten und Franzosen hinterher. Paradoxerweise, denn das waren Kolonialmächte –  aber daher gibt es in solchen Ländern  den “Vorteil”, dass schon viel länger ein Austausch stattfand. In Österreich gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten eine nennenswerte Zahl an Schwarzen Menschen und in so einer kurzen Zeit ist es schwierig, in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

 

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Dass es hoffentlich in Zukunft mehr Schwarze Journalisten gibt hier in Österreich. Es kommt halt dazu, dass Journalismus ein privilegierter Berufsstand ist, man braucht schonmal ein bestimmtes Bildungslevel, um hineinzukommen. Viele Journalisten haben halt auch Akademiker-Eltern. Es dauert eine Zeitlang, bis Minderheiten da auch einen Fuß reinbekommen.

 

Was müsste sich ändern, damit das geschieht?

Chefredaktionen, Geschäftsleitungen von Medienunternehmen müssen sicher auch selber forcieren und darauf schauen, dass sie diverser werden. Auf der anderen Seite ist es auch eine gesamtgesellschaftliche Sache. Aber in der jetzigen politischen Situation können wir wohl nicht darauf hoffen, dass irgendwer irgendwas für Schwarze Menschen tut. Es sieht es nicht danach aus, als ob hier irgendeine Minderheit Unterstützung bekommen wird in nächster Zeit. Wir müssen es leider selber richten. Aber ich denke nicht, dass irgendwer verhindern kann, dass wir Moves machen. Egal ob wir dabei unterstützt werden oder nicht.

 

 

 

Von Luciana Siegenthaler und Valentin Lischka

Über Luciana Siegenthaler 2 Artikel
Luciana Siegenthaler ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ein Elternteil kommt aus Brasilien. Seit 2012 ist Wien ihr Hauptwohnsitz, wobei sie verschiedene Praktika in der Karibik und in den USA gemacht hat. 2015 hat sie angefangen am Journalismusinstitut der Fachhochschule der Wirtschaftskammer Wien Content Produktion und digitales Medienmanagement zu studieren.